Gespenster

"Manche Leute sagen, es gibt Gespenster! Manche Leute sagen, es gibt keine Gespenster! Ich aber sage, HUI BUH ist ein Gespenst". So beginnen die schaurig-lustigen Folgen um das „  Leben,  Freud´ und  Leid“ eines Schlossgespenstes.

Bild-Copyrigth: Dr. Claudia Sassen
Bild-Copyrigth: Dr. Claudia Sassen

 

Existieren Gespenster? Ihre literarische Existenz in der Kinder-,Jugend- und Erwachsenenliteratur ist zahlreich. Ob sich auch die vielfältigen filmischen Ghostbuster-Schleimmonster unter dem klassischen Gespensterbegriff subsumieren lassen, sei zu erst einmal dahingestellt. Viele verbinden mit dem Begriff Gespenst die Vorstellung eines Verstorbenen mit einer unerlösten Seele. Währen Hui Buh mit amtlicher Spukerlaubnis ausgestattet seiner Profession nachgeht, sucht das Cantervillsche Gespenst (Oscar Wilde) eigentlich den Trost der Erlösung. Wilde gab sie ihm durch Virginias Hilfe.

 

Dabei ist der Begriff etymologisch vieldeutiger. Eine verführerisches Trugbild, das uns mit Worten vom rechten Weg abzubringen vermag. Auch hier war am Anfang das Wort, das trügerische Bild kam scheinbar erst später in die Bedeutung. Heute werden die Begriffe Geister und Gespenster als Synonyme betrachtet. Ob Untoter, Wiedergänger oder gar Dämon es darf sich von nun an vor so manchen metaphysischem Objekt gespenstig gegruselt werden.

 

Doch gibt es diese deshalb wirklich? Bei dieser Frage scheiden sich die Geister in Gläubige, Ungläubige, die wissensdurstig forschenden Unentschiedenen und die  allwissenden Ignoranten. Wer kann diese Frage beantworten? Sind es etwa die Priester der unterschiedlichsten Religionen die uns Auskunft geben können? Sind es die Psycho-, Parapsycho- oder die Ethnologen die darüber bescheid wissen?

 

Von denen, die daran glauben,  sollten jene am besten Auskunft geben können, die berufen wurden, sich zwischen den Dimensionen zu bewegen: Schamanen und Hexen. Sie rufen die "Guten Mächte" und bannen die Bösen, die sich als Gespenst zeigen um uns Furcht einzuflößen, unseren Geist verwirren und den Körper mit Leid überziehen wollen. Sie glauben an das was sie tun - was gibt ihn diese Sicherheit es zu tun?  

 

Aber nicht nur das Metaphysische mag uns zu schaffen machen, das normale Leben birgt gespenstische Aussichten. Das „Gespenst der Armut“ taucht inzwischen für viele Bundesbürger am Horizont ihres Lebensabends auf. Gesellschaftspolitische Unvernunft und ökonomische Krisen nähren seine Macht und führen zur Zweiklassengesellschaft.  

 

Auch die Philosophen nehmen sich manchmal des Themas an. Nachfolgender Abschnitt des immer noch sehr empfehlenswerten Buch inspirierte mich zu diesem Blogartikel.

 

Hier ein Auszug aus dem Buch: Dialektik der Aufklärung von Theodor W. Adorno / Max Horkheimer erstmals erschienen 1947 bei Querido in Amsterdam.  

"ZUR THEORIE DER GESPENSTER

 

Freuds Theorie, dass der Gespensterglaube aus den bösen Gedanken der Lebenden gegen die Verstorbenen kommt, aus der Erinnerung an alte Todeswünsche, ist zu plan. Der Hass gegen die Verstorbenen ist Eifersucht nicht weniger als Schuldgefühl. Der Zurückbleibende fühlt sich verlassen, er rechnet seinen Schmerz dem Toten an, der ihn verursacht. Auf den Stufen der Menschheit, auf denen der Tod noch unmittelbar als Fortsetzung der Existenz erschien, wirkt das Verlassen im Tod notwendig als Verrat, und selbst im Aufgeklärten pflegt der alte Glaube nicht ganz erloschen zu sein. Dem Bewusstsein ist es unangemessen, den Tod als absolutes Nichts zu denken, das absolute Nichts denkt sich nicht. Und wenn dann die Last des Lebens sich wieder auf den Hinterbliebenen legt, erscheint die Lage des Toten ihm leicht als der bessere Zustand. Die Weise, in der manche Hinterbliebene nach dem Tod eines Angehörigen ihr Leben neu organisieren, der betriebsame Kult mit dem Toten oder umgekehrt, das als Takt rationalisierte Vergessen, sind das moderne Gegenstück zum Spuk, der, unsublimiert, als Spiritismus weiterwuchert. Einzig das ganz bewusst gemachte Grauen vor der Vernichtung setzt das rechte Verhältnis zu den Toten: die Einheit mit ihnen, weil wir wie sie Opfer desselben Verhältnisses und derselben enttäuschten Hoffnung sind.

 

Zusatz

 

Das gestörte Verhältnis zu den Toten - dass sie vergessen werden und einbalsamiert - ist eines der Symptome fürs Kranksein der Erfahrung heute. Fast ließe sich sagen, es sei der Begriff des menschlichen Lebens selber, als der Einheit der Geschichte eines Menschen, hinfällig geworden: das Leben des Einzelnen wird bloß noch durch sein Gegenteil, die Vernichtung definiert, hat aber jede Einstimmigkeit, jede Kontinuität der bewussten Erinnerung und des unwillkürlichen Gedächtnisses - den Sinn verloren. Die Individuen reduzieren sich auf die bloße Abfolge punkthafter Gegenwarten, die keine Spur hinterlassen oder vielmehr: deren Spur, als irrational, überflüssig, im wörtlichsten Verstande überholt sie hassen. Wie jedes Buch suspekt ist, das nicht kürzlich erschien, wie der Gedanke an Geschichte, außerhalb des Branchebetriebs der historischen Wissenschaft, die zeitgemäßen Typen nervös macht, so bringt sie das Vergangene am Menschen in Wut. Was einer früher war und erfahren hat, wird annulliert gegenüber dem, was er jetzt ist, hat, wozu er allenfalls gebraucht werden kann. Der häufig dem Emigranten zunächst erteilte wohlmeinend-drohende Rat, alles Gewesene zu vergessen, weil es ja doch nicht transferiert werden könne, und unter Abschreibung seiner Vorzeit ohne weitere Umstände ein neues Leben zu beginnen, möchte dem als gespenstisch empfundenen Eindringling nur mit einem Gewaltspruch antun, was man längst sich selber anzutun gelernt hat. Man verdrängt die Geschichte bei sich und anderen, aus Angst, dass sie einen an den Zerfall der eigenen Existenz gemahnen könne, der selber weitgehend im Verdrängender Geschichte besteht. Was allen Gefühlen widerfährt, die Ächtung dessen, was keinen Marktwert hat, widerfährt am schroffsten dem, woraus nicht einmal die psychologische Wiederherstellung der Arbeitskraft zu ziehen ist, der Trauer. Sie wird zum Wundmal der Zivilisation, zur asozialen Sentimentalität, die verrät, dass es immer noch nicht ganz gelungen ist, die Menschen aufs Reich der Zwecke zu vereidigen. Darum wird Trauer mehr als alles andere verschandelt, bewusst zur gesellschaftlichen Formalität gemacht, welche die schöne Leiche den Verhärteten weithin schon immer war. Im funeral home und Krematorium, wo der Tote zur transportablen Asche, zum lästigen Eigentum verarbeitet wird, ist es in der Tat unzeitgemäß, sich gehen zu lassen, und jenes Mädchen, das stolz das Begräbnis erster Klasse der Großmutter beschrieb und hinzufügte: »a pity that daddy lost control«, weil dieser ein paar Tränen vergoss, drückt genau die Sachlage aus. In Wahrheit wird den Toten angetan, was den alten Juden als ärgster Fluch galt: nicht gedacht soll deiner werden. An den Toten lassen die Menschen die Verzweiflung darüber aus, dass sie ihrer selber nicht mehr gedenken."

Mein persönlicher Nachtrag:

 

Ich habe die Bücher/Schriften von Horkheimer in den 70ern gern gelesen. Im Gegensatz dazu konnte ich mit Adorno nichts anzufangen. Beide sahen frühzeitig das „Gespenst des Faschismus“ am Horizont der Geschichte auftauchen. Glücklicherweise  konnten sie  rechtzeitig emigrieren. 

 

"Gespenster offenbaren uns die Schattenseite von Glaubensvorstellungen, Überzeugungen und Handlungen. So mancher beschwört bewusst oder unbewusst, absichtlich oder unabsichtlich, einen Geist ins Leben, den er lieber nicht geweckt hätte. Dieses gilt im Einzelnen wie im Kollektiven."

Jürgen Krzistetzko 

   

Das Thema Gespenster (bzw. Geister) taucht im Rahmen einer schamanischen Ausbildung an verschieden Ausbildungs- und Lebensabschnitten auf: Z. bei der spiritueller Sterbebegleitung und Trauerbewältigung, dem Thema „weißer Magie“ und die Auflösung „grau-/schwarzmagischer“ Phänomene.

 

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