Loslassen und Festhalten

„Las los“, ruft das Leben uns zu. Leichter gesagt als getan, denken wir und sehen im „loslassen“ keinen körperlichen sondern vorwiegend einen psychischen Akt. Somit wird loslassen regelmäßig zu einem schönen Thema in Therapie- und Selbsthilfegruppen aller Couleur? Der weise anmutender Rat, dass wir einfach loslassen müssen um endlich glücklich sein können, besitzt einen gehörigen Pferdefuß. Hängen wir doch einerseits alle irgendwie am Schicksalshaken fest und sind anderseits nicht gerade willig und sind zudem auch von Geburt an scheinbar wenig begabt um loszulassen?

Welche zu erfolgende Handlung kann sich hinter dieser Anweisung „des Loslassens sollen“ für uns verstecken? Kann man loslassen lernen und gar eine persönliche Meisterschaft des Loslassens erreichen?  Wenden wir uns jedoch, bevor wir diese Frage erörtern, erst einmal dem Gegenteil des „Loslassens“ zu. In der analen Phase freudianisch orientierter Kleinkinder wird eins besonders geübt: das Festhalten. Liegt hier der Hund dafür begraben das viele Menschen sich damit schwertun etwas „loszulassen“?

 

Loslassen und Festhalten sind zwei Handlungen die wir im Leben immer wieder mehr oder minder erfolgreich ausführen. Doch worauf beziehen sich diese Handlungen? Was können wir festhalten oder loslassen und was auch nicht? Wer nicht loslässt hält fest! Und somit ist es wichtig das Festhalten als natürlichen Antagonisten zum Loslassen mit in unsere Erörterung einzubeziehen.

 

„Mein Schatz“, flüsterte Gollum und wie wir Wissen bekam ihm diese Anspruch lebenslauftechnisch gesehen nicht besonders gut. Einen Besitz loslassen erscheint umso einfach wenn man wenig zu verlieren hat? War jeder Vertriebene ein Großgrundbesitzer? Wohl kaum? Aber warum gibt es bis heute noch Vertriebenenverbände? Wer will den immateriellen Wert von Heimat und deren Verlust bestimmen? Ich zu mindestens nicht. Hat nicht jeder Mensch das Recht auch an etwas festzuhalten, selbst wenn er darunter leidet? Und ist es verwerflich sich der Endlösung eines verordneten Loslassens zu entziehen.

 

Also materielles und immaterielles kann Objekt beider hier betrachteten Handlungen werden. Fügen wir einfach ein paar weitere Beispiele an. 

  • Mister Rochester war bereit die bürgerliche Konvention monogamer Beziehungen vor dem Traualtar zu überwinden. Charlotte Brontee jedoch rette, durch das wortwörtliche rechtzeitige Erscheinen eines der Ehe widersprechenden Anwaltes die konventionelle - geprägte Seele der nichtsahnenden Jane Eyre und wies damit den Protagonisten ein anderes Schicksal zu. Was wäre aus beiden geworden hätten Sie nicht an ihrer Liebe zueinander festgehalten?
  • „Anstand und Sitte“ sollte man so etwas wirkliche loslassen wollen? Der Zeitgeist bewirkt einen stetigen Wertewandel. Folgen wir ihm stets unauffällig?
  • Um quälende Erinnerungen loszuwerden ist Alzheimer ist sicherlich keine gute Option. Kann man quälende Erinnerungen eigentlich wirklich festhalten wollen?
  • Reisende soll man bekanntlich gehen lassen. Doch warum hängen wir an so häufig an alten längst verflossenen Beziehungen?
  • Kann man an Krankheiten festhalten? Und wen ja ist dann loslassen schon ein Garant der Heilung?
  • Wie viele brennender Ketzer bedurfte der Übergang vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild?
  • Wie wurden den Heiden geholfen zum christlichen Glauben zu wechseln?

 

Von Wünschen, sagt man dass man sie loslassen sollte damit sie in Erfüllung gehen können. Wer sie verkrampft festhält blockiert eine liebenswerte Antwort des Universums. Wie sollte uns der Weihnachtsmann bescheren können, wenn wir ihm unserer Wunschzettel vorenthalten? Und was ist mit dem was wir uns fürs Leben erträumen. Wer möchte Lebensträume schon wirklich aufgeben?  

 

Auch das Sterben, das uns letztendlich nicht erspart bleiben wird ist nur ein großes loslassen, genau hier zeigt sich wie gerne (am Leben) festgehalten wird. Letztendlich werden wir hier nicht mehr um unsere Einwilligung gefragt. Der Tod ist trotzdem keineswegs unhöflich dabei. 

 

Spüren wir wann es sich wirklich lohnt festzuhalten und wann es dagegen besser ist loszulassen?

 

Festhalten versus Loslassen diese Frage stellt sich manchmal im Leben. Liebt er /sie mich oder liebt er/sie mich nicht. Nicht jedes Gänseblümchen weiß hier uns sicherlich die richtige Antwort zu geben. Wir leben nun im Zwiespalt was sollen wir tun, was ist der richtige Weg?  Die meisten Probleme ohne Ambiguität sind leicht entscheidbar. Da Wissen wir was wir tun müssten und weigern uns doch es zu tun oder sabotieren unsere eigenen Handlungen. Warum eigentlich?  Wie geschieht loslassen oder festhalten? Wie führen wir diese Handlungen durch? Inwieweit ist unser Körper, Geist und Seele darin involviert? Diese vorherigen Fragen zu klären wäre sicherlich interessant doch hilft die Erkenntnis uns wirklich beim loslassen?   Das Thema besitzt sehr viele Facetten und man könnte leicht ein Buch mit Ideen darüber füllen. Ein typisches Beispiel für eine Situation zwischen festhalten und loslassen:

 

Angenommen sie lieben Jemand der Sie nicht liebt? Was machen Sie dann mit ihrer Liebe? Können Sie sie diese einfach erlöschen lassen oder unternehmen Sie alles Mögliche damit der andere sie doch noch zu lieben anfängt? Was passiert wenn es nicht gelingt? Wird dann Selbsthass geboren oder wandelt sich ihre Liebe in eine Hassliebe? Wird aus Hassliebe dann mit der Zeit purer Hass und gelingt so die Ablösung vom „Objekt der (ehemaligen) Liebe“? 

 

Wann hätten Sie in diesem Fall loslassen müssen und wie genau um sich nicht im Strudel der negativen Gefühle zu verfangen?   Meiner Erfahrung nach beginnt ein solches negative Szenarium mit der bewussten Manipulation der eigenen Gefühle. Wir verkennen dabei das manche Dinge nur passiv geschehen können aber niemals aktiv erreicht werden und folgen dabei Schmerzvermeidungsstrategien die ihr Wort nicht halten können.   

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