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Gott, Göttin oder lieber Beides?

Gott, Göttin oder lieber Beides?

 

Nicht jeder Mensch glaubt an göttliche Wesen. Dem Atheist ist die Existenz Gottes ein Dorn im Auge und der Agnostiker, so scheint es, lässt sich ein Hintertürchen offen. Allen Anderen steht im Prinzip eine Vielzahl sehr unterschiedlicher religiöser Anschauungen zur Auswahl. Doch kann und darf man seinen Glauben wirklich wählen? Religionsfreiheit war und ist nicht an jedem Ort dieser Welt gern gesehen.

 

Googeln Sie mal: "Pakistan Religionsfreiheit" und wenn Ihnen das nicht genügt "Religionsfreiheit weltweit". Ob zur Zeit der Christianisierung, der Inquisition oder im "Hier und Jetzt" es bleibt gefährlich das Verkehrte zu glauben.

 

Als spiritueller Lehrer kommt man auch an dem Thema "Religion" nicht ganz vorbei. Ich selber nehme dabei einen inter-religiösen Standpunkt ein.

 

 

 

 

Im Jahr 2007 begann ich jedoch mit einigen meiner Schüler*innen der Spur der Großen Göttin und ihres Gefährten durch die Menschheitsgeschichte zu folgen. Wir begaben uns auf: 

 

Morganas Göttinnenwege 

 

Dieser Lehrpfad brachten uns nicht nur den keltischen Glauben und seinen vielen Gottheiten näher. Es wurde ein zehnjähriger Streifzug durch das immaterielle Weltkulturerbe der Religionen. Wir folgten der Spur des Glaubens in den Mythen von Kelten, Germanen, Slawen, Römer und Griechen und im Christentum, Judentum, Buddhismus, Shintoismus und Hinduismus. Ein war ein guter Weg um seinen Geist vorm abgleiten in religiöser / spiritueller Intoleranz zu schützen.

 

Uns begegneten die Göttinnen Amaterasu, Artemis, Arianrhod, Brigid, Ceridwen, Danu, Freja, Gaia, Hestia, Holle, Isis, Kali, Lilith, Maria, Ostara, Pele, Rhiannon, Sedna, Sheela Na Gig, die Weiße Tara und die Götter Bacchus, Cernunnos, Ganesha, Neptun und Shiva. 

  

Bei vielen Kulturen trifft man die Idee einer Muttergöttin an. Doch eine einfache inter-religiöse 1:1 Zuordnung der Göttinnen untereinander kann nicht funktionieren. Die unterschiedliche Lebensbedingungen der Menschen bedingen auch unterschiedliche kulturelle Sichtweisen. So sind alle uns auf diesem Weg begegneten Gottheiten Unikate und decken andere Aspekte der menschlichen Existenz ab. 

  • Göttin Amaterasu half unser Kreativität auf die Sprünge,
  • Göttin Pele lernten uns den Umgang mit dem Zorn,
  • Göttin Danu öffnete uns den Weg zu Irlands kleinem Volk und der irischen Seele und
  • Göttin Lilith stärkte das Selbstbewusstsein der anwesenden weiblichen Schülerinnen.  

So stand jedes Seminar unter einem mehr weltlich persönlichem Thema. Nicht mit jeder Gottheit wurden meine Schüler*innen und ich auch wirklich warm. Göttin Holle, die Märchenhafte berührte mich am tiefsten. 

 

Einen anderen Zugang zum Glauben findet man über die religiösen Feste und ihrem Brauchtum. Von 2010 - 2017 brachte meine Frau Interessierten den keltischen Jahreskreis nah. 

 

Leben im Jahreskreis

        

Nicht nur die Kelten teilten das Jahr mit Festen in acht Teile ein. Der Lauf der Sonne und des Mondes bestimmte die Festivitäten und gaben dem Jahr eine sinnvolle und nachvollziehbare Struktur. Die zeitliche Struktur:  

  • Das Jule wird zur Wintersonnenwende am 21. Dezember gefeiert. 
  • Das Imbolc feiert man heutzutage am 2. Februar 
  • Ostara wird um die Frühlingstagundnachtgleiche gefeiert 20-23 März.
  • Beltane / Walpurgisnacht feiert man in der Nacht vom 30. April zum 1. Mai
  • Litha wird zur Sommersonnenwende 20-23 Juni gefeiert
  • Lugnasadh / Lammas  feiert man am 1. August
  • Mabon wird um die Herbsttagundnachtgleiche gefeiert 21-23 September
  • Samhain / Halloween 31. Oktober

Über das Brauchtum erfuhren wir viel über den Glauben unser heidnischen Ahnen, der sich auch aufs Christliche abfärbte und schon der Volksmund weis: "Feste soll man feiern, wie sie fallen".

 

 

Von diesen oben angeführten Festen kennt man Halloween, so vermute ich zu mindestens am besten. Vor Jahren sind wir per Zufall auf eine phantastische Dokumentation über das Totenfest in Mexiko aus dem Jahre 2006 gestoßen:  

 

Mexiko - Totenfest mit Pappmaché und Zuckerguss

 

Auf der ARD–Seite im Internet fand ich damals folgenden Text dazu: 

 

„Die ersten beiden Novembertage werden in Mexiko "los dias de los muertos" genannt - die "Tage der Toten". Sie werden begangen wie eine Mischung aus Weihnachten und Karneval. Die Mexikaner glauben, dass die Verstorbenen an diesen Tagen zurückkommen, um den Hinterbliebenen einen Besuch abzustatten. In den Häusern ihrer Familien wird schon seit Tagen für sie gekocht, die Wohnungen werden festlich hergerichtet. Vor den Geschäften und auf den Märkten stapeln sich Totenköpfe aus Plastik oder Zuckerguss, riesige Skelette aus Pappmaché, Kerzen und anderer Altarschmuck sowie Brot und Naschereien in Knochen- oder Totenschädelform. Auch die junge Mexikanerin Betty fiebert auf die "dias de los muertos" hin. In ihrem Dorf in Michoacán ist der Glaube, dass die Toten zurückkehren, besonders stark. Ihr Großvater Agostin ist erst vor wenigen Monaten verschieden. Wie für alle Verstorbenen wird für ihn im Hause seiner Familie ein Willkommensaltar errichtet. Dort soll er alles vorfinden, was er zu Lebzeiten besonders mochte: seine Lieblingsspeisen, kleine Erinnerungsobjekte, Fotos aus seinen besten Tagen, Blumen und seinen Lieblingsschnaps. Seine Enkelin Betty möchte ihn zusätzlich überraschen: mit einer Cavalera, einem großen Skelett aus Pappmaché. Einer der größten Wünsche des Großvaters war es, zu erlernen, wie diese bei den Mexikanern so beliebten Spaßfiguren hergestellt werden. Um des Großvaters Traum stellvertretend zu erfüllen, macht sich Betty kurz vor Allerheiligen auf den Weg nach Mexiko-Stadt, denn dort finden sich die wahren Calavera-Künstler.“ 

 

Mein Kommentar zum Film

 

Es ist ein sehr liebevoll gemachter Film, der uns einen anderen kulturellen Umgang mit dem Tod aufzeigt. Hier zeigt sich im Film ein tiefes spirituelles und erfahrbares Wissen, das unsere Seele berührt und uns den eigenen (halb-) verschütteten Glauben freilegt.   Dieser Film zeigt aber auch, dass diese mexikanische Tradition bedroht ist durch die „moderne Halloween“ – Tradition, wenn die sich nur im „trick or treat“ erschöpft.

 

Persönliches

 

In den siebziger Jahren bekam Gottvater, den ich im Himmel gütig-väterlich über alles thronend wähnte. weibliche Konkurrenz. Das Buch: "Am Anfang war die Frau" von Elizabeth Gould Davis öffnete mir eine neue Sichtweise und stimmte mich feministisch ein. 

 

Die 70er  waren emanzipatorisch geprägt. Ein Feminismus-Virus grassierte und rief seine Gegner herbei. Esther Vilar war einer von ihnen. Ihr Buch "Der dressierte Mann" nahm 1971 dank der Fernsehsendung "Wünsch dir was" eine publikumswirksame Gegenposition ein. Sie bezog dafür rhetorische und ganz reale Prügel. Die Frauenbewegung bewegte sich. 

 

Jahre später flimmerte  Volker Elis Pilgrim strickend über die Mattscheibe und diagnostizierte eine latente Homosexualität in der Männergesellschaft. Die tradierten Männer- und Frauenrollen kamen in diesem Jahrzehnt ins wanken. Stand der Untergang des Mannes im Raum? Wer unterdrückt eigentlich wenn? Alice Schwarzer und Esther Vilar begegneten sich im fernsehgerechten Schlagabtausch. Die Frauenzeitschrift Emma  wurde aus der Taufe gehoben und Frau Schwarzer avancierte im lauf der Zeit zur meist gehassten Frau Deutschland. 

 

Aber nicht nur die Geschlechterrollen und die Geschlechteridentität wurden damals in Frage gestellt. Die allgemeine religiöse Identität begann zu schwächeln. In der Frauenbewegung erinnerte man sich an alten matriarchalische Wurzeln und das Neuheidentum bekam Zulauf. Die Große Göttin (mit oder ohne Gemahl) kehrten ins Bewusstsein zurück und einige Feministinnen empfanden sich als moderne Hexen.

 

Schon Ende der sechziger Jahre hatte sich der Begriff der  feministischen Theologie geprägt. Der monotheistische patriarchalische Gott wurde nicht nur religionswissenschaftlich in Frage gestellt. War es um die Situation der Frauenrechte in Ländern, deren Bevölkerung vorwiegend polytheistisch glaubten, damals besser bestellt? Die Selbstbestimmung der Frau stand hierzulande im Focus.

 

Der Paragraph 218 und "mein Bauch gehört mir" waren gesellschaftspolitische Themen. Mein bewusste Glaube war damals agnostisch und ich trat folgerichtig 1975 aus der Kirche aus. Meine Interessen lagen in der Philosophie und Psychologie. Mein spirituelles Bewusstsein schlief noch den Schlaf des Gerechten.

 

Das Rad der Geschichte hatte sich weiter gedreht und vieles hat sich im Bewusstsein der Menschen seitdem verändert aber viele Probleme haben sich als resistent erwiesen. Sind Frauen inzwischen gleichberechtigt? Wohl kaum. Auch die Frage der geschlechtlichen Identität steht im gesellschaftspolitischen Raum. Statt Frau und Mann kann man nun auf Facebook zwischen 60 Begrifflichkeiten wählen. Wer ist gender variable, wer transweiblich? Ich habe keinen blassen Schimmer - mir reicht auch nur die Kategorie Mensch. Zu mindestens der Genderstern (= *) heilt die Verunsicherung der Leser*innen dieses Textes.

 

Auch die religiöse Zugehörigkeit ist zu einem aktuellen zentralen Thema geworden. Das Schreckgespenst der Islamisierung hat sich aufs deutsche Gemüt gelegt. Gehört der Islam nun zu Deutschland oder nicht? Wie christlich ist Fremdenfeindlichkeit? Wie wirkt eigentlich Religion auf uns? Macht sie uns zwangsläufig zu bessere Menschen? Tun "neue Heiden" z. B. mehr für den Erhalt der Natur, wie Christen oder gar die Atheisten? Ich befürchte nein. 

 

Der Lehrpfad Morganas Göttinnenwege ist inzwischen beendet worden und ich kann mich mit meinen Schüler*innen neuen spirituellen Wegen zuwenden.