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Wenn die Seele nicht verzeihen kann

Wenn die Seele nicht verzeihen kann

 

Das Leben ist wie es ist und hinterlässt auf unserer Seele so manche Blessuren. Manches was uns zustößt, verwundet unsere Seele so tief, dass es uns schwer fällt dem Verursacher unseres Leids zu vergeben.

 

Am 27.12.1983 besuchte Papst Paul II den Attentäters Mehmet Ali Agca im römischen Gefängnis. Dieser hatte zweieinhalb Jahre zuvor, mit der Absicht ihn umzubringen auf ihn geschossen und dabei schwer verletz. Der Papst verzieh ihm an diesem Tage seine Tat.  Auf den Tag genau 31 Jahre später legte Agca Blumen auf das Grab von Paul II. Erzählt uns diese Geschichte etwas von der Kraft des Verzeihen?

 

Im November 2018 wurde medial weltweit verbreitet, das Michelle Obama US Präsident Trump niemals verzeihen will, weil er ihre Familie in Gefahr gebracht hat. Trumps Antwort darauf, lies nicht lange auf sich warten. Auch er wolle niemals verzeihen, natürlich nicht Michelle, sondern ihrem Mann Barak, weil dieser …

 

Beide sprechen nicht vom Verzeihen können, sondern das sie dieses gar nicht wollen. Hinterlassen solche  Willensbekundungen nicht naturgemäß ein komisches Gefühl? Hat Verzeihen, früher ein Zeichen für geistig-seelischer Größe, inzwischen zeitgemäß ausgedient?

 

Erkunden wir nun doch lieber das Terrain für all die, die verzeihen wollen es aber trotzdem irgendwie nicht hinkriegen und deren verletzte Seele zusätzlich darunter leidet nicht verzeihen zu können.

 

Ein vermeintlicher Makel

 

Nicht-Verzeihen gilt in „spirituellen Kreisen“ allgemein als ein No-Go. Als eine Schülerin von mir vor vielen Jahren an einer Blutkrankheit starb hörte ich ein paar Wochen später sie sei gestorben, weil sie jemanden nicht verzeihen konnte. So wurde einer sehr lieben und sehr bewussten Frau noch nach ihrem Tode ein Makel angeheftet. 

 

Verzeihen markiert, so empfinde ich es persönlich, das Ende eines Weges, der uns vom dunklen zum lichten Sein führt. Auf verschlungenen Pfaden erforschten wir den Dschungel unserer Gefühle und Absichten. Suchten nach schmerz-befreienden Wegabkürzungen, landeten in Sackgassen, verbrachten Zeit in Labyrinthen und Irrgärten bevor wir dort ankommen konnten wo die Seele im Verzeihen die Ruhe fand.  

 

Nicht verzeihen wollen, wenn man an Karma glaubt, ist töricht und dumm. Nicht verzeihen können obwohl man es möchte ist verzeihlich und sicherlich kein Makel. In diesem Fall suchen Sie sich einen erfahrenen Begleiter oder Scout, der Sie auf ihrem Weg begleiten und führen kann? 

 

Wer ist der richtige Ansprechpartner für Sie? Ob ein professioneller Psychologe, Seelsorger, Coach oder jemand anderer geeignet ist, hängt einerseits von ihren Naturell anderseits von dem Geschehen selbst ab. Das Thema VERZEIHEN besitzt wirklich viele interessante Aspekte. Wir können uns dem Thema religiös, psychologisch, philosophisch, soziologisch, durch spirituelle Arbeit oder der Kunst nähern. Einige Aspekte schneide ich in diesem Artikel an.  

 

Ein Spiel nicht nur für Erwachsene

 

 A: "Verzeihe mir." (flehend)

B: "Dir? Dir nie, niemals!" (erbost resolut) 

 

Es ist es egal welches Geschlecht A und B besitzen. A hat scheinbar etwas getan was B für unverzeihlich ansieht. Warum möchte A das ihm/ihr verziehen wird und warum verweigert B ihm/ihr dies?

 

Wir wissen nichts über das was ursächlich geschah. Nichts über den daraus entstandenen Konflikt zwischen A und B und die Gefühle, die darin involviert sind und trotzdem spüren sicherlich die meisten Leser*innen dieser Zeilen  ein Unbehagen, was die Position von B betrifft. 

 

Vielleicht beruht das Unbehagen auf der wohltuenden Erfahrung, dass uns selbst mal etwas verziehen wurde? Erscheint uns hier B als ein Repräsentant eines unbarmherzigen Gottes. Würde wir nicht gerne an einen gütigen Gott glauben oder liegt uns selbst die Rolle eines unbarmherzigen Gottes näher? 

 

Und was wird aus A werden, wenn er/sie nie Verzeihung erlangt? Sagt dann A irgendwann, "okay dann las es eben" und findet so sein inneres Gleichgewicht zurück? Oder bleibt er ein Gefangener eines Machtspieles um sein Seelenheil? Sind verzeihen und nicht verzeihen nur Optionen innerhalb eines Spieles, das wir spiel-theoretisch ergründen können?  Ein Spiel mit Gewinnern und Verlierern? Ein Nullsummenspiel?

 

Manchmal sind die Positionen A und B in einer Person vereint. Manches will man sich selbst partout nicht verzeihen und wird darüber letztendlich unglücklich bleiben. Aber warum nur tut man sich so etwas an und konserviert Schmerzliches?

 

Aktion und Reaktion

 

Angenommen Sie haben grade erfahren, dass:

  • ein Freund hinter ihrem Rücken schlecht über Sie redet,
  • ein Kollege sie beim Job ausbootet hat,
  • ein Geschäftspartner ihnen eine Idee gestohlen hat und diese nun als die Eigene verkauft
  • oder aber ein von ihnen unter Verschwiegenheit geteiltes Geheimnis nun keines mehr ist?

Was wird diese Information bei ihnen dann höchstwahrscheinlich auslösen? Werden Sie sich enttäuscht fühlen und dann wütend auf die Person werden, die ihnen das angetan hat? Was müssen sie tun um ihr seelisches Gleichgewicht zurückzuerlangen? Wäre eines dieser vier Beispiele für ihre Seele schon schwer verzeihlich? Nein? Dann wenden wir uns lieber einer anderen allgemein verletzenden Thematik zu.

 

Wie werden Sie voraussichtlich handeln, wenn sie bemerken, dass ihr Lebenspartner fremdgeht? Werden sie dann ihrem Naturell entsprechend handgreiflich und ihrem Nebenbuhler zeigen wo es langgeht oder liegt es ihnen näher diese Untreue damit zu quittieren, dass sie nun gleichfalls fremdgehen werden und „gleiches mit gleichem“ vergelten. Gehören Sie eher zu denen, die sich eher resignativ widerspruchslos einer Situation beugen oder verfallen sie gewohnheitsmäßig, wenn sie etwas verletzt, in Selbsthass?

 

Eins ist klar, wenn sie trunken und rasend vor Eifer- und Rachsucht die Buhlen meucheln, haben sie nicht nur ein ernst zunehmendes schweres Problem. Jeder geht unterschiedlich mit verletzenden Situationen um. Was den einen zu Weißglut bring lässt den anderen dagegen Cool bleiben.

 

Welche Möglichkeiten würden sich für ihre Beziehung ergeben, wenn sie in einem Gespräch mit dem Partner / der Partnerin versuchen ehrlich die Gefühle und die Beziehung zu klären? ist ihnen eine solche Sicht- und Vorgehensweise zu rational? Es ist so eine Sache mit unseren verletzten Gefühlen sie lassen uns nicht mehr rational handeln. Wir treffen dann nicht immer die klügsten Entscheidungen und handeln nicht klug. Statt seelisches Leid zu mindern schaffen wir häufig neues hinzu.

 

Was wird ihre Seele brauchen um eine vollzogene Untreue zu verzeihen? Könnten Sie dieses vorweg einschätzen?

 

Steter Tropfen höhlt den Stein

 

Manche seelische Verletzungen wiederholen sich und graben sich deshalb immer tiefer in unsere Seele hinein. 

Erinnern Sie sich an ihre Schulzeit. Gab es da nicht jemand der von einige Mitschülern gehänselt wurde? Ein Außenseiter, den man vorführen konnte und für den die Schule so zeitweise zu einem Spießrutenlauf wurde?

 

Mobbing ist heute zu einem allgemeinen gesellschaftlichen Problem geworden. Via Internet fällt es leicht relativ anonym zu bleiben und Personen gezielt anzugreifen, sie zu schikanieren und zu diffamieren. Cybermobbing ist im Vormarsch.

 

Auch in Betrieben hat das mobben unter Kollegen längst seit Jahren Einzug erhalten. Das Mobbing nachweislich krank macht ist bestens bekannt. Zuerst macht die Seele des gemobbten schlapp dann folgt der Körper. Und alle Firmenchefs dieser Welt müssten längst aufmerksam geworden sein um dagegen zu lenken.  Wer braucht schon einen hohen Krankenstand? Dummerweise sieht man diese Sache aus Sicht mancher Chefetage anders. Wenn es nach aktuellen arbeitsrechtlichen Gesetzen leichtfällt  Arbeitnehmer schnell zu entlassen, kann geduldetes Mobbing als Regulativ fungieren um die Belegschaft und deren Leistungen zu optimieren. Hier betreten wir den Bereich eines staatlich geförderten Sozialdarwinismus.

 

Wie kann ein Mobbingopfer lernen sich zu wehren um sich in einer krankmachenden Umgebung selbst zu behaupten? Wie schwer wird es ihm fallen den Tätern und jenen die untätig zugeschaut haben zu verzeihen?

 

Von Tätern und Opfern

Welche Beziehung entsteht zwischen Tätern und Opfern durch das was geschehen ist? Geht ihr Partner fremd kennen sie zu mindesten einen der Schuldigen. Ihre Beziehung zu ihm wird sich verändern. Ihr Vater, der ihre Mutter während der Schwangerschaft sitzen ließ, ist ihnen vielleicht nicht bekannt. Wessen Opfer sind sie dann geworden? Opfer und Täter müssen sich nicht kennengelernt haben aber irgendwie spüren wir, es existiert eine Beziehung geknüpft durch die Tat. Welche Schicksalsfäden wurden einst durch den Flug der Enola Gay mit dem Abwurf von Little Boy auf Hiroshima miteinander verknüpft? Und welche davon existieren noch heute?  

 

Wie verändern sich die Beziehung von Täter und Opfer wenn verzeihen geschieht? Wie entwickelt sie sich, wenn es nicht geschieht? Stillschweigend gingen wir bislang von der Prämisse aus, das ein Verzeihen immer möglich und auch wünschenswert sei? Dass das  "verzeihen wollen"  edler ist, als es nicht zu wollen. Und doch folgen manche Personen lieber einem mehr unversöhnlichen Pfad.

 

Der Schatten des Unverzeihlichen

Kann eine Tat wirklich so schwer wiegen, dass sie unverzeihlich wird? Oder muss in Raum und Zeit alles einst Begangene zu guter Letzt doch verziehen werden? Kann man eigentlich und darf man überhaupt alles verzeihen?

 

Ein Mord kann verjähren - ist er jedoch verzeihlich? Kann man Kriege, die Inquisition, Genozide den dafür Verantwortlichen wirklich verzeihen? Und wie sieht es aus mit den Taten unserer Vorfahren? Kann der Holocaust uns, die wir das Glück der späten Geburt besitzen, noch vorgeworfen werden? Oder sind wir die legitimen Erben einer kollektiven Schuld? Kann uns und muss uns auch verziehen werden, was wir selbst nicht taten? 

 

Verweist der Begriff der Todsünde nicht schon darauf, dass das Unverzeihliche existiert?  Nun - wenn Sie nicht verzeihen wollen, wer kann sie dazu zwingen? Doch was macht diese Entscheidung mit ihrer verletzten Seele? 

 

Der freie Wille

Ist verzeihen für Sie ein rein willentlicher Akt? Sie sagen: "ich verzeihe dir " oder "ich verzeihe dir nicht" und das war es dann auch wirklich - für alle Ewigkeit? Fügt die Seele sich dann automatisch ihrer sprachlichen Äußerung, so ganz ohne Qual und Selbstüberwindung? 

 

Die Erfahrung zeigt, dass man ein Verzeihen nicht verordnen kann. Ein: „Gebt euch die Hand und gut ist“, funktioniert schon bei Kindern, die sich geprügelt haben, nicht wirklich gut und nachhaltig.

 

Ich behaupte, dass der Schatten eines Geschehens solange unsere Seele verdunkelt bis auch das Unverzeihliche von uns verziehen wurde. Und deshalb rate ich den Unversöhnlichen ihre Blickrichtung zu überdenken und mit kleinen Schritten anzufangen. Vielleicht genügt es schon ihren "Ich verzeihe nie!"- Whatsapp-Status moderater zu formulieren um zu neuen Sicht- und Handlungsmöglichkeiten vorzudringen? Wie viel guter Wille wird uns für unser Seelenheil abverlangt werden? 

 

Die Genesung

Was braucht die Seele um von einer Verletzung zu genesen? Gibt es ein allgemein gültiges Rezept dafür oder ist nicht jede Heilung individuell? Immer dann, wenn unsere Seele durch die Handlung eines anderen (oder einer Gruppe) verletzt wird erhebt sich im Hintergrund der Tat das Schreckgespenst „verzeihen und vergeben lernen“ und lächelt uns zu. Nützt es uns, wenn wir das Lächeln grimmig erwidern?

 

Ein gut gemeinter Ratschlag wie der: “Vergib den Tätern“ erscheint uns im Zustand einer frisch erlittenen starken  Verletzung wie ein Hohn, der die augenblicklich Gefühle ignoriert. Diese wollen zuerst erst einmal eine Erklärung, eine Entschuldigung, eine Wiedergutmachung oder aber auch vielleicht nur die gute alte Vergeltung.

 

Die seelische Lage und die Möglichkeiten des Opfers lässt im allgemeinen kein schnelles Verzeihen zu. Versuchen wir sogar zu schnell zu verzeihen, kann dies uns noch mehr krankmachen, denn alles braucht seine Zeit und alles hat seine eigene Ordnung. 

 

Der Faktor Zeit

Das die Zeit alle Wunden heilt, ist das Credo aller Tröstenden. Und das alles seine Zeit hat und braucht, betonen und glauben die Fatalisten dieser Welt. Wie lange braucht  

  • ein Kind, um den Eltern zu verzeihen, dass sie sich immer nur gestritten aber nie getrennt haben?
  • ein Kind, um den Eltern zu verzeihen, dass sie sich getrennt haben ohne um die Ehe zu erhalten konstruktiv gestritten haben?
  • ein Kind der früh verstorbenen Mutter und dem lieben Gott zu verzeihen, dass es allein gelassen wurde?
  • das Opfer einer Vergewaltigung um den Täter zu verzeihen?
  • eine Mutter um den betrunkenen Autofahrer zu verzeihen, der ihr Kind überfuhr und damit auch ein Teil von ihr selbst tötete?
  • ein Volk um die Gewalttaten eines anderen Volkes zu verzeihen? 

Manches begleitet uns über verschiedene Leben hinweg und sucht die Erlösung im Irgendwann. Endstation: Jüngstes Gericht? Kann man diesen Vorgang nicht doch irgendwie geeignet forcieren. Dem Zeitgeist gemäß ausgedrückt, kann man nicht ein "Verzeihen to go" erlernen? 

 

Von was hängt die Zeit ab, die unsere Seele braucht um zu genesen? Ist es die Schwere der Verfehlung die wir fühlen, die uns vielleicht zuerst unversöhnlich stimmt und sagen lässt.: "Dir verzeihe ich niemals"? Bis wir mit der Zeit bemerken lässt, das wir trotzdem weiter leiden und deshalb anfangen umdenken?

 

Was muss nach dem verletzendem Geschehen geschehen, damit wir verzeihen können?

 

die Logik der Gefühle

Ist Verzeihen können nur von uns selber abhängig oder müssen wir nicht das weitere Verhalten der Täter mit in unsere Betrachten einbeziehen? Welche hinreichende und notwendige Bedingungen müssen erfüllt sein um uns gnädig zu stimmen? 

 

Bestehen sie darauf, dass ein Täter gerecht bestraft wird, sei es vom Gesetzt oder dem Leben, bevor sie überhaupt verzeihen wollen? Was erwarten Sie vom Täter? Monetäre Wiedergutmachung, tätige Reue, sie persönlich um Verzeihung bitten, eine Schuldanerkenntnis, ...

 

 

Kann (und muss) der Täter etwas tun damit ihre Seele ins Gleichgewicht kommt? Und wenn es so ist. Legen sie dann nicht die Macht über ihr Leben in die Hände eines Übeltäters?  Was können Sie dann tun um sich aus dieser Lage zu befreien? Gibt es dafür allgemein gültige Regeln? Eine Logik die den Wandel unserer Gefühle beschreibt?

 

Meiner Arbeit als spiritueller Lehrerbund & Coach zeigt mir, dass das Nicht-Verziehene allgemein die persönliche Entwicklung hemmt. Wenn wir nicht verzeihen können obwohl wir es wirklich möchten brauchen wir eine Hilfe. 

 

Kein repetitives: "Ich verzeihe dir, ich verzeihe dir, ich verzeihe dir, ich .... " bringt uns dem Ziele wirklich nah. Der Geist kann die Seele nicht bezwingen - aber knebeln schon. 

 

Der ganze Text besteht hauptsächlich aus Fragestellungen, ich hoffe sie nehmen es mir nicht übel und verzeihen mir diesen Schreibstil. Wäre es nicht an der Zeit auch nach Antworten zu suchen und sie zu geben?

 

Im  Jahr 2019 werden sich einige meiner Seminare um das hier angedeutete Thema ranken und Antworten geben.