Eine Frage des Glaubens

 

In den siebziger Jahren bekam Gottvater, den ich im Himmel gütig-väterlich über alles thronend wähnte. weibliche Konkurrenz. Das Buch: "Am Anfang war die Frau" von Elizabeth Gould Davis öffnete mir eine neue Sichtweise und stimmte mich feministisch ein. 

 

Die 70er  waren emanzipatorisch geprägt. Ein Feminismus-Virus grassierte und rief seine Gegner herbei. Esther Vilar war einer von ihnen. Ihr Buch "Der dressierte Mann" nahm 1971 dank der Fernsehsendung "Wünsch dir was" eine publikumswirksame Gegenposition ein. Sie bezog dafür rhetorische und ganz reale Prügel. Die Frauenbewegung bewegte sich. 

 

Jahre später flimmerte  Volker Elis Pilgrim strickend über die Mattscheibe und diagnostizierte eine latente Homosexualität in der Männergesellschaft. Die tradierten Männer- und Frauenrollen kamen in diesem Jahrzehnt ins wanken. Stand der Untergang des Mannes im Raum? Wer unterdrückt eigentlich wenn? Alice Schwarzer und Esther Vilar begegneten sich im fernsehgerechten Schlagabtausch. Die Frauenzeitschrift Emma  wurde aus der Taufe gehoben und Frau Schwarzer avancierte im lauf der Zeit zur meist gehassten Frau Deutschland. 

 

Aber nicht nur die Geschlechterrollen und die Geschlechteridentität wurden damals in Frage gestellt. Die allgemeine religiöse Identität begann zu schwächeln. In der Frauenbewegung erinnerte man sich an alten matriarchalische Wurzeln und das Neuheidentum bekam Zulauf. Die Große Göttin (mit oder ohne Gemahl) kehrten ins Bewusstsein zurück und einige Feministinnen empfanden sich als moderne Hexen.

 

Schon Ende der sechziger Jahre hatte sich der Begriff der  feministischen Theologie geprägt. Der monotheistische patriarchalische Gott wurde nicht nur religionswissenschaftlich in Frage gestellt. War es um die Situation der Frauenrechte in Ländern, deren Bevölkerung vorwiegend polytheistisch glaubten, damals besser bestellt? Die Selbstbestimmung der Frau stand hierzulande im Focus.

 

Der Paragraph 218 und "mein Bauch gehört mir" waren gesellschaftspolitische Themen. Mein bewusste Glaube war damals agnostisch und ich trat folgerichtig 1975 aus der Kirche aus. Meine Interessen lagen in der Philosophie und Psychologie. Mein spirituelles Bewusstsein schlief noch den Schlaf des Gerechten.

 

Das Rad der Geschichte hatte sich weiter gedreht und vieles hat sich im Bewusstsein der Menschen seitdem verändert aber viele Probleme haben sich als resistent erwiesen. Sind Frauen inzwischen gleichberechtigt? Wohl kaum. Auch die Frage der geschlechtlichen Identität steht im gesellschaftspolitischen Raum. Statt Frau und Mann kann man nun auf Facebook zwischen 60 Begrifflichkeiten wählen. Wer ist gender variable, wer transweiblich? Ich habe keinen blassen Schimmer - mir reicht auch nur die Kategorie Mensch. Zu mindestens der Genderstern (= *) heilt die Verunsicherung der Leser*innen dieses Textes.

 

Auch die religiöse Zugehörigkeit ist zu einem aktuellen zentralen Thema geworden. Das Schreckgespenst der Islamisierung hat sich aufs deutsche Gemüt gelegt. Gehört der Islam nun zu Deutschland oder nicht? Wie christlich ist Fremdenfeindlichkeit? Wie wirkt eigentlich Religion auf uns? Macht sie uns zwangsläufig zu bessere Menschen? Tun "neue Heiden" z. B. mehr für den Erhalt der Natur, wie Christen oder gar die Atheisten? Ich befürchte nein. Religion und Politik haben sich leider vielerorts getroffen. Die Idee von Gottesstaaten führt zwangsläufig zur Inhumanität. Eine humanistische Einstellung bedarf keine religiöse Grundlage.

 

Ich selbst gehöre keiner religiösen oder spirituellen Gemeinschaft an. Ungeachtet dessen woran ich selber Glaube, bleibe ich in meiner Arbeit inter-religiös neutral zu den religiösen oder spirituellen Glaubensvorstellungen meiner Klienten und Schüler.

 

Von 2007 - 2018 begleitete ich ein Gruppe interessierte Schüler auf den Lehrpfad: "Morganas Göttinnenwege" und wir folgten der Spur der Großen Göttin durch den Wandel der Zeit und Kulturen. Dies Thema ist für mich nun abgeschlossen.

zwei gute Bücher

Um zu erkennen dass gute Bücher unseren Horizont erweitern braucht man nicht an unseren Lehrpfaden "vom Geist der Literatur" oder "die Seele der Poesie", die ihre Persönlichkeit entfalten lassen, teilgenommen haben. Gute Bücher sollte eigentlich jeder zu schätzen wissen. Leider schätzt man, dass 25% der Deutschen nicht in der Lage sind anspruchsvolle Texte zu verstehen. Ich empfehle trotzdem an dieser Stelle jedem:

  1. Leben mit den Göttern;  Neil Mac Gregor; C. H. Beck - Verlag; ISBN 9783406725418
  2. Mythos - Was uns die Götter heute sagen; Stephen Fry; Aufbau-Verlag; ISBN 9783351037314

Jürgen Krzistetzko; Juni 2019